Die literarische Moderne und der Expressionismus (ca. 1890–1925) markieren einen radikalen Bruch mit der bürgerlichen Erzähltradition des 19. Jahrhunderts und reagieren auf die tiefgreifenden Umwälzungen der Jahrhundertwende: rasante Industrialisierung, Großstadtwachstum und schließlich die Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Diese Lektion vermittelt das zentrale Phänomen des "Ich-Zerfalls" — die literarische Darstellung eines fragmentierten, nicht mehr einheitlichen Subjekts, das den Gewissheiten der Vergangenheit beraubt ist. Eng damit verbunden ist die "Sprachkrise" der Jahrhundertwende, die die grundsätzliche Unzulänglichkeit der Sprache thematisiert, die subjektive Wirklichkeit angemessen zu erfassen.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Großstadt als zentralem Erfahrungsraum der expressionistischen Literatur: Sie wird gleichzeitig als Ort der Entfremdung, als Schauplatz apokalyptischer Visionen und als Quelle sinnlicher Reizüberflutung dargestellt — ein Motivkomplex, der sich deutlich von der naturverbundenen Poesie früherer Epochen unterscheidet. Die Lektion behandelt zudem die formalen Kennzeichen expressionistischer Lyrik: den Reihungsstil, der auf logische Verknüpfungen zugunsten einer bloßen Aneinanderreihung von Bildern verzichtet, die elliptische Syntax sowie eine intensive Farbsymbolik, mit der innere Gefühlszustände nach außen gekehrt werden.
Der Einfluss des Ersten Weltkriegs auf die Bewegung wird eingehend thematisiert: Er radikalisierte die Gesellschaftskritik der Expressionisten und verstärkte die apokalyptischen Untergangsvisionen, die bereits vor Kriegsbeginn in der Literatur angelegt waren. Auch das expressionistische Menschenbild wird beleuchtet, das von Entfremdung einerseits und einer utopischen Sehnsucht nach dem "neuen Menschen" andererseits geprägt ist. Formale Mittel wie Ausrufe, Imperative und Ellipsen werden als sprachliche Werkzeuge zur emotionalen Intensivierung eingeordnet.
Abschließend wird die Moderne von der vorangegangenen naturalistischen Strömung abgegrenzt: Während der Naturalismus die äußere soziale Realität objektiv abzubilden versucht, richtet die Moderne den Fokus konsequent auf die psychische Innenwelt und Subjektivität. Nach dieser Lektion können Lernende die zentralen Merkmale der Moderne und des Expressionismus benennen und historisch einordnen.
Kernaussage der Epoche: Der "Ich-Zerfall" beschreibt die literarische Fragmentierung des Subjekts in der Moderne — eine direkte Reaktion auf die gesellschaftlichen Verunsicherungen der Jahrhundertwende und die durch den Ersten Weltkrieg radikalisierten apokalyptischen Untergangsvisionen des Expressionismus.
Welches Phänomen beschreibt den 'Ich-Zerfall' in der literarischen Moderne um 1900 am präzisesten?
Die Auflösung einer festen, einheitlichen Identität in eine Vielzahl fragmentierter, oft widersprüchlicher Bewusstseinszustände.
Der Ich-Zerfall markiert das Ende des autonomen, rationalen Subjekts der Aufklärung. Die Moderne erkennt, dass das 'Ich' instabil und durch äußere Einflüsse sowie unbewusste Triebe fragmentiert ist.
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