Sprachwandel und Sprachvarietäten

Sprachwandel und Sprachvarietäten sind ein zunehmend wichtiger Themenbereich im Deutsch-Abitur, der sprachwissenschaftliches Grundwissen mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten verbindet. Diese Lektion vermittelt die klassischen Formen des historischen Bedeutungswandels: die semantische Verengung, bei der ein Wort seinen Bedeutungsumfang einschränkt (etwa "Tier", das sich von "jedes Lebewesen" auf "nicht-menschliches Lebewesen" verengt hat), sowie die Bedeutungsverschlechterung (Pejorisierung), bei der ein Wort im Lauf der Zeit eine abwertende Konnotation annimmt.

Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf dem soziolinguistischen Konzept der Diglossie — der funktionalen Aufteilung zwischen einer "High"-Varietät (etwa Standardsprache in formellen Kontexten) und einer "Low"-Varietät (etwa Dialekt im informellen Alltag) — sowie auf den Faktoren, die Soziolekte entstehen und bestehen lassen: gemeinsame soziale Gruppenzugehörigkeit, geteilte Lebenswelten oder Berufsfelder. Die Lektion behandelt zudem die Mechanismen des Sprachkontakts im Detail: die Lehnadaption (ein entlehntes Wort wie "cool" wird morphologisch ins Deutsche integriert, etwa zu "coolen" oder "gecoolt"), die Lehnübersetzung (eine morphemweise Übertragung) im Unterschied zur freieren Lehnübertragung, sowie die Lehnbedeutung, bei der ein bereits bestehendes deutsches Wort durch fremdsprachlichen Einfluss eine neue Bedeutung erhält.

Auch die aktuelle Anglizismen-Debatte wird kritisch eingeordnet: Sie wird als eine Form der "Sprachwandel-Angst" verstanden, die aus der Sorge um die Ausdrucksfähigkeit der Sprache und der verbreiteten, sprachwissenschaftlich fragwürdigen Wahrnehmung von Sprachwandel als "Verfall" gespeist wird. Der Sprachpurismus wird als Bewegung beschrieben, die Fremdeinflüsse aktiv zurückdrängt, durch eigene Begriffe ersetzt und die eigene Sprache ideologisch aufwertet.

Abschließend wird die Jugendsprache als dynamische, identitätsstiftende Varietät eingeordnet, die durch kreative sprachliche Prozesse gekennzeichnet ist, sowie die heutige Funktion des Dialekts, der vor allem der Identitätsstiftung und der informellen, emotionalen Kommunikation dient. Nach dieser Lektion können Lernende Prozesse des Sprachwandels benennen und aktuelle sprachpolitische Debatten linguistisch fundiert einordnen.

  • Semantische Verengung und Bedeutungsverschlechterung (Pejorisierung) an Beispielen erklären
  • Das Konzept der Diglossie und Faktoren der Soziolekt-Entstehung einordnen
  • Lehnadaption, Lehnübersetzung, Lehnübertragung und Lehnbedeutung unterscheiden
  • Die Anglizismen-Debatte als 'Sprachwandel-Angst' linguistisch kritisch reflektieren
  • Die heutige Funktion von Dialekt und Jugendsprache als identitätsstiftende Varietäten beschreiben

Kernaussage: Die aktuelle Anglizismen-Debatte speist sich weniger aus objektiven Belegen für einen sprachlichen "Verfall" als aus einer verbreiteten "Sprachwandel-Angst" und der Sorge um die eigene Ausdrucksfähigkeit — ein Muster, das sich historisch bei jedem größeren Sprachkontakt wiederholt hat.

Beispielfrage

Welcher der folgenden Prozesse beschreibt eine semantische Verengung (Bedeutungsverengung) im historischen Sprachwandel?

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Das Wort 'Tier' bezeichnete im Mittelhochdeutschen noch jedes Lebewesen, heute nur noch das nicht-menschliche Lebewesen.

Die Bedeutungsverengung (Spezialisierung) beschreibt den Prozess, bei dem ein Wort seinen ursprünglichen, weiteren Bedeutungsumfang verliert und nur noch einen Teilbereich abdeckt. 'Tier' (ahd. 'tior') umfasste ursprünglich auch den Menschen als Lebewesen, wurde aber später auf das nicht-menschliche Lebewesen eingeschränkt.

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